1830 cover
Designer Francis G. Tresham
Verlag The Avalon Hill Game Company
erschienen 1986
Spielerzahl 3 - 6
Spielzeit 4 Stunden

1830 - Spielbericht vom 2.12.2003

Vier hochkarätige Robber-Barons und eine Miss Polly trafen sich zu einer Auseinandersetzung um Anteile auf dem umkämpften Eisenbahnmarkt der USA. Es geht um Shares, Deals, Priorities und Bankrupts. Der Eingeweihte weiß sofort: es kann sich nur um 1830 handeln.

Schon im Vorfeld wurde darum gefeilscht, wer den Mackie Messer spielen darf und wie weit er bei Polly gehen darf. Denn in ihrer jugendlichen Unerfahrenheit mußte sie sich wohl oder übel von den männlichen Beschützern unter die Fittiche nehmen lassen. Aber von wem? Es wäre doch zu schade, wenn wir uns allein deswegen in die Haare kriegen würden. Dann schon lieber um die New York - New Haven!

Eine weise Entscheidung ist es, den zugeteilten Beschützer rechts von ihr sitzen zu lassen. Nur so können seine Tips wirklich uneigennützig sein. Und wenn sie falsch sind, dann freuen sich alle anderen. Er selbst zuletzt.

Fangen wir mit dem Endergebnis nach. Nach einer Session ohne Blei und Blut wurde Aaron mit 7809$ Erster und Günther, eigentlich der gebuchte Seriensieger, mit 6766$ Zweiter. Polly, Entschuldigung, sie heißt ja in Wirklichkeit Loredana, kam mit 5516$ auf einen ehrenvollen dritten Platz, ihr Beschützer Peter wurde mit 3911$ Letzter. Dazwischen kam dann noch ich.

Noch in der Nacht wurden die ersten Analysen verschickt. Aaron hat eine sehr kluge neue Beobachtung offenbart: Mit der WPG-Regel, "eine Gesellschaft rückt nur vor, so lange sie mindestens ihren Aktenpreis ausschüttet", darf man die Linien am Anfang nicht zu hoch einsetzen. Sonst verliert man die Bonus-Möglichkeit des Vorrückens. Dazu kommt natürlich noch, daß man sich von billigen Linien erheblich mehr Shares leisten kann, und daß die lukrativen, zu 100% ausverkauften Gesellschaften auch davon profitieren, daß die Aktien nach jeder Bankrunde noch zusätzlich eine Ebene nach oben steigen.

Peter findet immer mehr Ähnlichkeiten zwischen 1830 und seiner neuen Liebe "Time Agent", aber er weiß, daß ich das für Blasphemie halte. Und der Zaungast Moritz triumphierte, wieder mal habe es sich herausgestellt hat, daß 1830 genauso wenig zu berechnen ist wie seine Try-und-Spell-Spiele.

Nein, so ist es absolut nicht. Es ist ganz sicher, daß derjenige bei 1830 gewinnt, der keine Fehler macht. Aber genauso sicher ist, daß es unmöglich ist, bei 1830 keine Fehler zu machen. Ganz im Gegenteil, die ganz alltäglichen Aktionen der Robber-Barons strotzen nur so voller Fehler. Zu vielseitig sind die Fehlermöglichkeiten, zu komplex die Abläufe. Und zu kybernetisch sind die Auswirkungen der einzelnen Spielzüge aufeinander. Wenn man heute einen Zug als Fehler erkannt hat und morgen das Gegenteil davon beherzigt, kann das auch schon wieder falsch sein, weil auch die Gegenspieler sich eine andere Strategie zurechtgelegt haben.

Spricht das schon für die Unberechenbarkeit des Spielablaufes? Nein, wir sind eben alle noch nicht erfahren genug, und wir spielen das Spiel auch viel zu selten, um wirkliche Experten zu werden. Außerdem, Moritz aufgepaßt, wir unterliegen nicht den Zufälligkeiten der Spielregeln, sondern den taktischen Planungen und Erfolgen der Mitspieler. Wir werden nicht gespielt, sondern wir spielen uns selbst! Es gewinnt der, dessen Fehler in der Summe die wenigsten gravierenden Auswirkungen haben. Erlaubt mir als Vorletztem, die Aktionen meiner Kontrahenten einer detaillierten Spielkritik zu unterziehen. Fehler haben halt die natürliche Eigenschaft, post mortem leichter erkennbar und benennbar zu sein. Besonders für die Außenstehenden.

1830 board

Aaron hat wirklich sehr gut gespielt. Er hat sich als erster Aktionär die NYNH unter den Nagel gerissen (+) und hat sie für einen optimalen Kurs eingesetzt (+). Er hat zum besten Zeitpunkt als zweite Linie die einflußreiche NC gefloated (+) und hat ihr Streckennetz sehr systematisch ausgebaut (++). Er hat unheimlich früh und ohne merkbare Knauserigkeit für die NYNH eine Diesel zusammengespart (++) und damit alle anderen Linien einem technischen Innovationsdruck ausgesetzt. Er hat diese Diesel unverzüglich (+) von der NYNH zur NC transferiert (++), weil dort das bessere Streckennetz vorhanden war, und damit verdientermaßen bis zum Spielende fast doppelt soviel Rendite kassiert wie seine Konkurrenten.

Das sind eine Menge positiver Wertungen. Ein bißchen ist im dabei allerdings das Glück des Tüchtigen zu Hilfe gekommen. Das fing schon mit der Startposition an. Er wurde als zweiter gesetzt und konnte so, nachdem jeder Mitspieler seine obligatorische Privatbahn ersteigert hatte (ich als Startspieler brav 2 Stück davon), als erster eine richtige Linie erwerben. In dieser Beziehung ist 1830 ein asymmetrisches Spiel. Die Linien besitzen alle unterschiedliche Eigenschaften und Qualitäten. Und der Startaktionär darf als erster unter ihnen wählen und sich die beste heraussuchen.

Jetzt höre ich unsern Orc-Advokaten schon hämisch unter dem Tisch hervorkommentieren: "1830 ist doch nur ein verkapptes "Time Agent". Dabei übersieht er aber, daß wir alle jetzt bereits unseren ersten Fehler gemacht, und Aaron davon profitiert hat. Natürlich ist die Position, als erster eine Eisenbahnlinie erwerben zu können, ein bedeutender spieltechnischer Vorteil. Aber keiner muß sich hier klaglos in das Schicksal der Startauslosung fügen. Um diese Position kann man kämpfen! Muß man kämpfen! Warum haben wir eigentlich alle die uns angebotenen Privatgesellschaften erworben? Warum hat denn keiner gepaßt? Jeder, der hier gepaßt hätte, hätte dieses Privileg der ersten Linie um eine Spielerposition verschoben. Ein einziges Passen, und Peter wäre in den Startvorteil gekommen. Dieses Passen haben wir alle versäumt! Peter und Loredana bekommen mildernde Umstände, weil es sich als zweiter und dritter Startaktionär auch noch ganz gut leben läßt. Von Günther und mir waren es glatte Unterlassungen.

Eine glückliche Ausgangslage für Aaron war auch, daß seine NYNH nur einen Zweierzug kaufen mußte und sofort mit einem weiteren Dreierzug ins Rennen gehen konnte. Das lag vor allem daran, daß die BO vom Start weg gefloatet wurde und Peter seine BM mit hohem Kurwert eingesetzt hatte. So kaufte die BO am Anfang drei Zweierzüge (das ist guter Standard) und die BM mußte ihren Startbedarf an Loks ebenfalls vor der NYNH eindecken. So war für die NYNH das Kontingent der ungeliebten Zweierzüge schon fast erschöpft und sie durfte ohne Anstrengung gleich den ersten Dreierzug erwerben.

Aarons Analyse, die Startlinien nicht zu hoch einzusetzen, kann man noch mit dem Zusatz ergänzen, die zweite Gesellschaft sollte höchstens für den gleichen Kurs eingesetzt werden wie die Startlinie. Natürlich unter der Voraussetzung, daß die BO gefloatet wird.

Zurück zu Aaron. Er hat auch ein paar Fehler gemacht. Er konnte die NYNH sofort mit der optimalen Zugkombination ausstatten, er sorgte aber nicht im gleichen Maße für einen angemessenen Streckenbau. Er vernachlässigte total die zweite Linie zur Ostküste und wendete sich sofort nach Westen dem zweiten New Yorker Bahnhof zu. Das dauert eine ganze Weile. Drei Runden lang konnte er nur einen einzigen Zug fahren lassen und mußte sich mit Dividenden von unter 100 Dollars begnügen. Das ist für die NYNH eine ziemlich schlechte Einfahrbilanz.

1830 board

Daß Aaron dafür einen NYNH-Token für den zweiten Bahnhof in New York aufsparen konnte und damit dann noch eine sehr lukrative Strecke aufbauen konnte, steht auf einem anderen Blatt. Es hätte bös enden können. Vor allem wenn der technische Fortschritt nicht so schnell vorangeschritten wäre, oder wenn irgendeiner mit mehr Vorsatz (und Übersicht) Aaron in die Quere gekommen wäre. So aber blieb diese Schwäche weitgehend ungeahndet.

Auch Aaron's zweite Linie, die äußerst potente New York Central kam nur sehr schwer aus den Startlöchern. Die Linie konnte ihre Strecke lange Zeit weder zur BM hin noch nach New York anschließen und mußte einige Runden auf einer Strecke aus nur zwei Bahnhöfen sehr mickrige Gewinne einfahren. Nur weil die anderen Linien gerade mit dem Ausmustern ihrer veralteten Lokomotiven beschäftigt waren, geriet Aaron hier nicht ins Hintertreffen.

Nun zu Günther, von der Zahl der 1830-er Partien her der weitaus erfahrenste Spieler von uns allen. Günther hat immer einen Plan, aber diesmal war davon überhaupt nichts zu sehen. Er kämpfte weder darum, vom Start weg selbst Präsident einer Linie zu werden, noch später darum, als Präsident oder als Aktionär Akzente zu setzen. Er beteiligte sich lediglich an der BO des linkssitzendes Mitspielers (+), kassierte ein paar Mal gute BO-Dividenden und veräußerte diese Aktien wieder (+), bevor die BO in ihre Sparphase überging. Gerne hätte ich als Präsident die BO durch Gewinn-Ausschüttungen total ausgepowert und sie ihm anschließend vor die Füße geworfen. Vom Priority-Deal war es leider nie möglich, darauf hat Günther aber sicherlich auch aufgepaßt.

Günther wendete sich dann, bereits im zweiten Viertel des Spiels, der PRR zu (+-), konnte hier aber auch keine Glanztaten vollbringen. Insbesondere konnte er ihr hier auch seine Privatbahn, die Camden&Amboy für einen Riesenreibach unterbringen (-). Die PRR ist eine sehr langsame Linie, und wenn sie sich nicht von Anfang an um einen großflächigen Gleisausbau bemüht, ist sie immer ein hartes Brot. Auch Günther sie nicht in Kaviar verwandeln.

Als zweite Linie legte er sich die Canadian zu. Das war fast eine Verlegenheitslösung, weil für sein gutes Geld nichts Besseres auf dem Markt war. Er verzichtete auf ihren Ost-West-Ausbau (+-) und strebte sofort den Anschluß nach New York an (+). Das gelang auch, und dort konnte er sich gut etablieren. Allerdings engagierte er sich nicht aggressiv genug gegen seine Konkurrenten, insbesondere gegen das Streckennetz der NC. Seine Aktionen blieben alle irgendwie im Mittelmaß stecken (Günther, Entschuldigung). Weil er aber im Detail keine (bemerkenswerten) Fehler gemacht hat, und weil eigentlich nichts gegen ihn gelaufen ist, wurde er ziemlich mühelos Zweiter.

Jetzt zu Peter. Er riß sich gleich zu Beginn die BM unter den Nagel (+-) und baute sie mit Tokens und Strecken schnell zu einer Milchkuh aus (+), die sich sehr bereitwillig melken ließ. Sie fuhr mehrmals Höchstrenditen ein. Zusätzlich sorgte er mit seinem Beschützer-Einfluß dafür, daß sich Loredana an seiner Linie beteiligte (+) und beide gemeinsam an der aufstrebenden Wirtschaftslage partizipierten. Leider wurde er dabei richtig satt und träge, und war zufrieden, wenn er mit seinem Zögling Aktien-Streicheleinheiten austauschen konnte. Kein Kampf, keine Aggressivität, kein weiterer Plan, keine weitere Linie, nur noch Besitzstandswahrung (-). Oder habe ich da etwas übersehen?

Es reicht bei 1830 nicht, mit einem tollen Start davonzuziehen. Jede Spielphase hat hier ihre besonderen Aufgaben. Die beiden New Yorker Linien bringen nur bis zum Mittelteil etwas ein. In der Endphase sind sie die schwächsten. Entweder haben sie keine Strecke oder keine Lokomotive. Wenn sie vom Kurswert her nicht interessant bleiben, muß man sie rechtzeitig abstoßen. Peter mußte, teilweise aus seiner Privatschatulle, für die BM eine Diesellok anschaffen und fuhr damit genausoviel ein, wie mit einem billigen 5-er Zug. Kein grundsätzlicher Fahrfehler, die BM kann es nicht besser.

Peter hätte sich ja leicht von der ins Schlingern geratenen BM trennen können und sie seinem Zögling zuschustern können. Soviel natürliche Geschäftstüchtigkeit wollte er Loredana aber doch nicht um die Ohren hauen. Im Sinne von Robber-Barons ist das eindeutig ein Minuspunkt.

Loredana's Geschäftsgebaren will ich nicht weiter analysieren. Sie hat zunächst mal das getan, was Peter ihr - fast uneigennützig - geraten hat. Später war nicht so ganz klar ersichtlich, für oder gegen wen ihre Aktienpolitik gerichtet war. Für einen Anfänger ist das auch OK so. Einen Plan kann man ja auch nur haben, wenn man ungefähr weiß, wohin der Hase läuft. Dazu fehlen ihr bei 1830 noch ein paar Duzend Durchgänge. Hoffentlich hat es Dir trotzdem Spaß gemacht und Du bist beim nächsten Mal wieder dabei!

Dein dritter Platz gibt Dir sicherlich nicht die Gewissheit, das Spiel schon zu beherrschen. Moritz argumentiert damit ja gegen die Berechenbarkeit des Spieles. Aber da ist der Wunsch der Vater des Argumentes. Gute Anfängerergebnisse liegen nicht an der Ungerechtigkeit des Spieles. Sie liegen einfach daran, daß die Robber-Barons auch Menschen mit Herz sind, und einem Anfänger - dem grundsätzlich ALLE mit Rat und Tat zur Seite stehen - keine Steine in den Weg legen. Ein Anfänger kann deshalb bei 1830 sogar gewinnen, wenn niemand gegen ihn spielt, wenn ihm keiner aus Vorsatz die Aktien in den Keller haut, wenn ihm keiner wichtige Gleisteile verbaut, gegenläufige Streckenbarrieren errichtet und bösartiger Tokens legt. All das tut man nicht gegen Anfänger. Die Robber-Barons treiben ihr Unwesen vor allem gegeneinander. Und wenn bei der Selbstzerfleischung die Anfänger aus den Augen geraten und sich nach vorne absetzen können, dann ist das Berufsrisiko. Kein Fehldesign des Spielautors. Höchstenfalls Anfüttern der Backfische vor dem Vernaschen!

Und was waren meine Fehler? Über die Privatgesellschaften wurde ich BO-Präsident habe die Linie in Kooperation mit Günther gleich in der ersten Runde gefloated (+). Natürlich mit hohem Einstiegskurs. Durch viele Loks (3 Zweierloks und 1 Dreierlok), die ab der zweiten Runde alle Geld einfuhren, habe ich schnell hohe Einnahmen erzielt (+). Anschließend habe ich mit der Linie keine konsequente Geschäftspolitik betrieben. Ich habe zuviel Geld ausbezahlt (-), und damit die Gesellschaft bei den anstehenden Investitionen in Liquiditätsprobleme gebracht, ohne in die Gelegenheit zu kommen, die Linie wieder los zu werden (-).

Ich habe meine Shares zu wenig diversifiziert (-), insbesondere mich zu wenig an Aaron's Gesellschaften beteiligt, weil man mit solchen Streubesitzen erstens Gentlemen-Agreements erzwingen und zweitens durch taktische Verkäufe Einfluß auf die Zugreihenfolge ausüben kann.

Hier möchte ich noch mal auf Moritz' Ausführungen eingehen, es gäbe bei 1830 "nicht vorhersehbare" Kettenreaktionen. Das ist eine Fehldiagnose, die auch schon Günther dementiert hat. Wenn ich eine Aktie verkaufe, um beim Gegner die 100%-Ausverkaufsregel zu unterlaufen, dann muß ich mich vergegenwärtigen, daß die Mehrheitsbesitzer dieser Gesellschaft dieses letzte Share wieder kaufen wollen. Wenn sie aber kein Geld mehr haben oder ihr Sharelimit erreicht haben, dann werden sie scharf rechnen, ob sie ihrerseits nicht auch wieder ein Share verkaufen und damit die Kettenreaktion weiterführen. Das ist absolut vorhersehbar.

Außerdem muß man jederzeit damit rechnen, daß Aktien verkauft werden, nur um den Gegnern zu schaden. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Und wenn es eintritt, ist als Vision klar abzusehen, wo am Ende alle Kurse landen werden. Deswegen diversifiziert man ja. Nicht nur, um bei anderen Linien mitverdienen zu können, sondern auch, um durch Besitzstand an Fremd-Aktien die Kurse manipulieren zu können und um gegnerische Manipulationen wegen der Gegenschlag-Drohung ausbremsen zu können. Alles sehr logisch, alles sehr vorhersehbar und doch sehr komplex zusammengestellt.

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1830 ist ein intelligentes Mehr-Personen-Kampfspiel. Es kommt auf das Tagesgeschick darauf an, welcher bei gleichwertigen Kämpfern den Sieg davontragen wird. Wie Kater ziehen wir am Abend hoffnungsvoll auf die Katzenpirsch und wollen uns tapfer schlagen. Meistens kommt es anders als man denkt. Am Morgen hinken wir dann wieder nach Hause und lecken unsere Wunden. Aber nicht traurig und depressiv. Sondern voller Erlebnisse. Und wir freuen uns schon beim Lecken auf den nächsten Abend, für den wir uns vornehmen, den gestrigen Sieger mit noch mehr Geschick, mit noch mehr Tricks, mit einer noch besseren Strategie überlisten zu können. Viel Glück!

2003, Walter Sorger