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Autor Wolfgang Kramer
Michael Kiesling
Verlag Ravensburger Spieleverlag
erschienen 2005
Spielerzahl 2-6
Spielzeit 30 Minuten

Verflixxt!

rezensiert von Walter Sorger

"Nur ein simples Würfelspiel" muss ein Profispieler denken, wenn er die Schachtel geöffnet hat und sich erstmals über die Spielanleitung hermacht. Wenn er sich dann noch vergegenwärtigt, dass dieses Spiel gerade auf der Auswahlliste zum "Spiel des Jahres 2005" gelandet ist, wird er mit etwas Wehmut an all die vielen genialen Spiele denken, die auf Grund ihrer Komplexität sich wohl niemals diesen werbeträchtigen Orden an die Brust anheften dürfen. "Spiel des Jahres" will die allgemeine Spielfreude fördern, und hierbei ist an Großmutter, Mutter und Kind wohl eher gedacht als an Einstein und Hawking.

Jeder Spieler hat 3 Pöppel, die er - ähnlich wie bei "Mensch-ärgere-Dich-nicht" - von einem Startfeld bis ins Zielfeld würfeln muss. Alle Spieler starten auf dem gleichen Feld. Auf jedem Feld dürfen beliebig viele Spieler stehen. Hinauswerfen gibt es nicht und die Frustration beim Ein- und Auswürfeln gibt es auch nicht: Jede Figur kann jederzeit sofort losziehen und beim Auswürfeln am Ende werden überzählige Augen ignoriert.

Worin liegt das Besondere?

Die Spielfelder, der Parcours, bestehen aus lauter einzelnen Plättchen. Jedes Plättchen besitzt einen positiven oder negativen Wert. Wer mit seinem Pöppel ein Spielfeld verlässt, auf dem er als einzelner gestanden hat, darf / muss das Spielfeld-Plättchen an sich nehmen. Entsprechend seinem Wert kassiert er Plus- oder Minuspunkte. Wer am Ende die höchste Punktzahl erreicht hat, ist Sieger.

Jeder ist also bestrebt sein, möglichst hohe Spielfelder mit hohem positiven Wert zu erwürfeln: Erst das Feld betreten und dann als Einzelfigur wieder davon wegziehen. Das kommt oft genug vor und macht einen Teil der Spielfreude bei "Verflixxt" aus.

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Die Konkurrenten haben natürlich das gleiche Ziel. Deren erfolgreiche Beutezüge sieht man dann allerdings nicht mehr mit so ungetrübter Freude. Dagegen gibt es aber ein bewährtes Mittel: Wenn man schon selbst kein lukratives Feld abkassieren kann, dann kann man sich wenigstens zu einem einzeln stehenden Pöppel eines Gegenspielern gesellen und ihm damit die fette Beute aus dem Rachen holen. Wenn das gelingt, ist die berechtigte Schadenfreude - o Gott, erhalte uns diesen ergötzlichen Charakterzug! - doppelt groß.

Schaden und Freude sind in dieser Aufrechung aber kein Nullsummen-Spiel, die Gesamtbilanz ist deutlich positiv: Eine eigene Freude und Genugtuung über solche guten Züge ist ein unbestreitbarer Aktiv-Posten; dagegen ist der Gegenspieler nicht direkt geschädigt: er kann ja hoffen, das größere Sitzfleisch zu besitzen und irgendwann das fragliche Feld doch noch als Letzter zu verlassen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Zur Art der Plättchen noch eine Ergänzung: Es gibt nicht nur Plättchen mit positiven oder negativen Werten, es gibt auch so genannte "Glückstafeln": Wer ein solches Feld abkassiert hat, darf damit - in der Endabrechung - ein beliebiges Minus-Plättchen in ein Plus-Plättchen verwandeln. Da kommt natürlich noch mal Freude auf. Dieses Spielelement bewirkt, dass man die ganz großen Minuswerte nicht mit allen Mitteln vermeiden muss. Ein paar der hässlichen Entlein darf man sich getrost einverleiben in der Hoffnung, dass sie sich dereinst einmal als stolze Schwäne entpuppen werden.

"Verflixxt!" besitzt noch ein weiteres Element, dass dieses Spiel schließlich in der Summe weit über die Gattung "simples Würfelspiel" hinaushebt: Es gibt neutrale Steine, so genannte "Wächter", die jeder Spieler anstelle seiner eigenen Pöppel ziehen kann. Zumindest solange noch irgendeine Spielfigur auf dem gleichen Spielfeld wie der Wächter steht. Damit steigt der Freiheitsgrad für das Ziehen gleich um etwa das Doppelte an. Im Grunde kann jeder Spieler bei jedem Wurf aus etwa 6 möglichen Zügen den jeweils besten für sich heraussuchen. Welches andere simple Würfelspiel bietet das schon?

Ich empfehle auch, mit "Variante 2" zu spielen: Da darf der Spieler, der eine Eins gewürfelt hat, entweder vorwärts oder rückwärts oder gar nicht ziehen. Auch damit steigt die Anzahl der durchschnittlichen Zugmöglichkeiten an. Außerdem wird damit dem letzten Spieler ein mögliches "Spießrutenlaufen" erspart: Mit lauter Einsen am Ende würde er alle Minus-Felder zwischen seinem letzten Pöppel und dem Ziel einkassieren müssen. (Dieser böse Nebeneffekt wird auch mit der in den Regeln beschriebenen "Variante 5" vermieden.)

Jetzt noch etwas zur Taktik. Trivial sind solche Empfehlungen wie, "auf Plättchen mit möglichst hohen Positiv-Werten" zu ziehen und möglichst "sofort wieder davon wegziehen". Trivial ist es auch, so zu ziehen, dass einem Konkurrenten eine fette Beute vermasselt wird. Das sind "Matt-in-einem-Zug"-Empfehlungen, die keiner braucht, der sich schon der Mühe unterzieht, Spielkritiken zu lesen. Viel entscheidender für erfolgreiches Spiel ist die Frage, in welcher Reihenfolge und mit welchem inneren Zusammenhang man seine Pöppel vorwärts ziehen sollte: Alle im Pulk oder jeweils gut verteilt auf dem gesamten Brett? Vorreiter vor allen anderen oder lieber im zweiten Glied?

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Ich habe hierzu keine fertige Antwort, möchte aber auf "Backgammon" verweisen: In diesem Spiel reagiert für Anfänger das reine Würfelglück; für Geübte steckt dahinter eine hochwissenschaftliche Strategie. Für ein langfristig geplantes gutes Spiel kommt es darauf an, so zu ziehen, dass man bei der nach dem Zug entstandenen Spiel-Situation für möglichst viele verschiedene nachfolgende Würfelergebnisse gute Zugmöglichkeiten hat. Nicht alles auf eine Karte setzen, sich nicht von einem Superwurf abhängig machen, Erweiterung des Handlungsspielraumes, Optimierung der Optionen, das sind die Devisen.

Es gibt zig Bücher zu gutem Backgammon. Alle sind berechtigt, so sehr ein Laie auch über das Thema staunen mag. Vielleicht wird es auch mal zu "Verflixxt!" eine entsprechende Literatur geben. Nützlich und sinnvoll hielte ich das in jedem Fall. Meine eigene analytische Kapazität und meine erzählerische Lust sind hier aber auf jeden Fall überstrapaziert. Wer mag sich hier als Helfer der Menschheit unsterbliche Verdienste erwerben?

Langer Rede kurzer Sinn: Bei "Verflixxt!" kommt zu der gelungenen Mischung von Freude und Schadenfreude noch eine gute Kombination von Taktik versus Glück hinzu. In jedem Fall genügend Substanz für ein "Spiel des Jahres". Vielleicht haben die SdJ-Juroren doch das bessere Augenmaß für die große Welt der Spiele!

PS: Nachtrag zu einem WPG-ismus:

In seinem Rick-Heli-Interview (http://spotlightongames.com/interview/heli1.html) schreibt Moritz über einige WPG-Eigenheiten: "I like it" can result in hysterical laughter, because there is a whole back story to a certain Backgammon game."

Für die Interessenten möchte ich hierzu den Hintergrund liefern:

Tasso, mein griechischer Freund, wollte einen Amerikaner (Nationalität tut nichts zur Sache) in die Geheimnisse von Backgammon einführen, insbesondere in Strategie und Taktik, die jedem Würfelglück überlegen sind. Wie der Zufall es wollte, der Ami hatte ein Sauglück und würfelte meinen guten Tasso in Grund und Boden. Und bei jedem guten Wurf musste sich der fassungslose Tasso auch noch den Freudenruf anhören "I like it!"

Für uns werden mit diesem Aufruf heute Situationen ausgedrückt, wo ein als planbar hingestelltes Spiel sich als absolutes chaotisches Glücksspiel herausstellt. Besonders dann, wenn eine Pechsträhne gerade besonders grausam zugeschlagen hat. Was das ganze mit "Verflixxt!" zu tun hat, mag jeder Leser sich selber zusammenreimen.

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2005, Westpark Gamers