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Autor Karl-Heinz Schmiel
Verlag Heidelberger Spieleverlag
erschienen 2007
Spielerzahl 2-5
Spieldauer 90 Minuten
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Tribun

rezensiert von Walter Sorger

Vor 20 Jahren brachte Karl-Heinz Schmiel mit "Die Macher" ein Spiel auf den Markt, das mit seinen planerischen Herausforderungen und seiner Fülle an neuen Ideen weit in die Zukunft wies. Im Parteienspiel des deutschen Bundestages musste man durch eine gekonnte Wahlstrategie parlamentarische Mehrheiten gewinnen. Die Kritiker waren überfordert. Erst 10 Jahre später erhielt die auf fünf Mitspieler erweiterte Neuauflage - inzwischen war Deutschland wiedervereinigt und die PDS war koalitionsfähig geworden - die verdiente Anerkennung und "Die Macher" schafften es bis in die Auswahlliste zum "Spiel des Jahres". Das Spiel hat heute noch einen gewissen Kultstatus. Als wir im Jahre 2005 den Wettbewerb um St. Petersburg durchführten und ein Gewinner aus Kanada nicht wusste, welches Hans-im-Glück-Spiel er sich auswählen sollte, startete er eine Umfrage bei Boardgamegeeks und erhielt die Antwort: "I would go for die Macher. Incredible game, and not as long or daunting as you think. And if you don't like it, it is excellent trade fodder." …

Die Szenerie mit dem Wahlkampfgerangel der politischen Parteien hat Karl-Heinz Schmiel nicht losgelassen. Dieses Jahr, 10 Jahre nach seiner letzten Macher-Version, hat er mit "Tribun" erneut ein Spiel herausgebracht, in dem sich die Spieler in den Machtkampf der Fraktionen um Einfluss und Siegpunkte stürzen müssen. Der Hintergrund ist allerdings nicht mehr das heutige bundesdeutsche Parlament, sondern das alte Rom, und statt um Grüne und Rote kämpfen die Spieler um die Vorherrschaft bei Gladiatoren, Legaten, Prätorianern, Plebejer, Patriziern, Vestalinnen und Senatoren.

Repräsentiert werden diese Gruppierungen durch verschiedenfarbige Parteikarten, die zu Beginn jeder Runde mit zufälligen Häufigkeiten teils offen teils verdeckt auf die verschiedenen Lokalitäten im Spielbrett verteilt werden: in die Thermen, aufs Forum, in die Latrine, in die Curie, ins Atrium, in die Katakomben und ins Pantheon. Welche Bedeutung diese Orte im alten Rom hatten, das hat der Autor in seinem liebvoll gestalteten Regelheft jeweils haargenau beschrieben. Für den Spielablauf haben diese Namen keine Bedeutung.

In jeder Runde darf jeder Spieler vier Pöppel auf die verschiedenen Plätze legen und damit seinen Anspruch auf die dort liegende Parteikarte anmelden. Die Karten in den Themen und im Forum liegen offen; man zahlt einen festen Preis (1 bzw. 3 Sesterzen) und nimmt die Karte an sich. In der Latrine liegt eine Karte verdeckte; wer sich hier engagiert darf die Karte umdrehen und sie entweder für den aufgedruckten Preis kaufen oder sich diesen Preis auszahlen lassen, ohne die Karte zu bekommen. Auf jedem Feld der Curia liegen ein bis drei Karten. Wer seinen Pöppel hier platziert, darf alle Karten aufnehmen, muss aber eine Karte aus der Hand abwerfen.

Im Atrium liegen drei Karten, die unter zwei Spielern versteigert werden. Wer am meisten bietet, bekommt alle drei Karten und muss dafür dem Unterlegenen den Versteigerungsbetrag auszahlen. Da kann Freude aufkommen, wenn man an einen gierigen Mitspieler gerät, der die Karten im Atrium unbedingt erweben will. Er bietet dann leicht mal eine zweistellige Summe und man darf diesen Betrag fast geschenkt (d.h. um den Einsatz eines Spielpöppels) einstreichen.

In den Katakomben liegen mehrere Karten verdeckt. Wer hier am meisten bietet, darf alle Karten ansehen und eine davon an sich nehmen. Wer am zweitmeisten bietet, darf sich von den Restkarten eine nehmen und so weiter. Manchmal ist es besonders wichtig, dass man noch genau eine bestimmte Parteikarte bekommt. Dafür sind die Katakomben ein geeigneter Ort, dann ist der Höchstbetrag in den Katakomben eine gute Investition.

Weil man bei all diesen Aktionen Geld einsetzt, muss es natürlich auch eine Möglichkeit geben, Geld zu erwerben. Dafür gibt es auf dem Spielbrett neben der Latrine usw. noch eine Geldschale. Wer hier als erster seinen Pöppel hinsetzt, erhält sieben Sesterzen, alle weiteren Spieler erhalten fünf.

Sind alle Setzpöppel ausgewertet, so hat jeder Spieler eine Reihe von Parteikarten auf der Hand. Hoffentlich diejenigen, die er für seine Spielplanung braucht. Die Quintessenz des Spiels geht nämlich darum, Mehrheiten von Parteikarten zu erwerben und damit Fraktionen im römischen Parlament (oder wie immer das hieß) zu übernehmen. Mittels Fraktionsübernahmen erwirbt man Lorbeeren, Legionen, Geld, die Gunst der Götter oder das Amt des Tribuns. Wer eine Fraktionsmehrheit über eine ganze Runde hinweg behält - d.h. wenn es keinem Mitspieler gelungen ist, zwischenzeitlich mehr Parteikarten dieser Fraktion erwerben und eine erfolgreiche Fraktionsübernahme durchzuführen - erhält weitere Vergünstigungen in Form von Lorbeeren, Legionen etc. Diese Dinge zählen für den Sieg. Wer von einem dieser Objekte eine bestimmte Mindestanzahl erworben hat, hat damit eine Siegbedingung erfüllt. Wer als erster die festgelegte Anzahl von Siegbedingungen erfüllt hat, ist Sieger.

Wie gewinnt man das Spiel? Indem man möglichst viele Fraktionen übernimmt und behält. Wie übernimmt man Fraktionen? Indem man die meisten Parteikarten dieser Fraktion erwirbt. Wie erwirbt man die Parteikarten eine Fraktion?

  1. Sie müssen bei der zufälligen Verteilung auf dem Spielbrett zum Vorschein gekommen sein. Da steckt eine Menge Glück dahinter.

  2. Man muss als erster auf die Felder mit den Parteikarten setzen, die man haben möchte. Und man sollte dabei keinem Mitspieler in die Quere kommen, sonst erreichen beide ihr Ziel nicht. Das hat man natürlich auch nicht in der Hand.

Es ist klar, dass die erfolgreichsten Spielzüge zu einem Großteil dem Zufall und zu einem erheblichen Anteil den unwägbaren Ambitionen der Konkurrenz entspringen. Eine klare strategische Parteipolitik wie bei "die Macher" gibt es hier nicht.

Trotzdem gibt es selbstverständlich gute und schlechte Züge. Ich habe mir ein paar Gedanken darüber gemacht und eine Excel-Tabellen über die wirtschaftliche Entwicklung im "Tribun" zusammengestellt. Hier sind meine Zahlen (ohne tiefere Erläuterung).

Pöppel, Geld und Parteikarten sind der Motor der Spiels. Sie sind alle ineinander umrechenbar. Für einen Pöppel in der Geldschale bekommt man ca. 5,5 Sesterzen. Also ist ein Sesterz etwa 0.18 Pöppel wert. Eine Parteikarte kostet einen Pöppel und noch durchschnittlich 2,48 Sesterzen. Also ist eine Parteilkarte ca. 1,45 Pöppel wer.

Die nachfolgende Tabelle zeigt die Wertigkeit (in Pöppel und Sesterzen) für alle in "Tribun" gehandelten Objekte:

Aus dieser Tabelle kann man den Geldbetrag ablesen, den die verschiedenen Lokalitäten in Tribun wert sind:

  1. Latrine:
    Liegt hier ein Kartenwert größer als 5 - die Wahrscheinlichkeit dafür ist knapp 37% - dann soll man das Geld nehmen. Liegt hier ein Kartenwert kleiner gleich 3 - die Wahrscheinlichkeit dafür liegt ebenfalls bei knapp 37% - so soll man die Karte kaufen. Ist der Wert höher als 3 aber kleiner gleich 5, so hat man auf den Latrine mit Zitronen gehandelt: Man zahl mehr als auf jedem anderen Kartenfeld und man bekommt weniger, als wenn man seinen Pöppel in die Geldschale gesetzt hätte. Der einzige Vorteil der Latrine kann sein, dass die verdeckte Karte zufällig eine Karte ist, die genau zu den eigenen Fraktionsambitionen passt. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist nur etwa ein Siebtel!

  2. Atrium:
    Im Atrium geht es um Haben oder Nicht-Haben von 3 Parteilkarten. Jede Karte ist etwa 8 Sesterzen wert, mithin liegen hier Werte von 24 Sesterzen herum! Hättet ihr das gedacht? Ich glaube es ja selbst kaum, doch die Excel-Zahlen lügen nicht!

Rechnen wir anhand der obigen Wertetabelle auch gleich aus, was die Fraktionsübernahme der verschiedenen Parteien einbringt. (Die Einheit ist wiederum Pöppel, bei der Fraktionsübernahme wird angesetzt, dass man durchschnittlich 0,2 Lorbeeren zusätzlich dafür bekommt):

Mit der Fraktionsübernahme gelangt man zumindest auch eine Runde lang in den Fraktionsvorteil. Hierfür ergibt sich folgende Einnahme-Bilanz:

Die wichtigste Information diese Tabelle ist, dass der Fraktionsvorteil für eine Zusatzrunde zwischen 5 und 16 Sesterzen liegt. Da man mit dem Streitwagen sich für eine Runde den Fraktionsvorteil sicheren kann, ist es keinesfalls ein rausgeschmissenes Geld, wenn man - je nach Fraktion, um die es sich dreht - gute zehn Sesterzen dafür hinblättert.

Wenden wir uns jetzt den Siegbedingungen zu. Hat man 4 Fraktionsübernahmen durchgeführt- ich halte das für ein selbstverständliches Vorgehen - und jede Fraktion zwei Runden lang gehalten, dann hat man durchschnittlich folgende Objekte erworben:

Bei Fraktionsmarkern hat man die Siegbedingung erfüllt, bei den Legionen fehlt noch ein winziges Stückchen. Doch jetzt erst auf die Suche nach dem fehlenden Bruchteil einer Legion zu gehen, ist viel zu teuer. Man muss schon vorher bei den Fraktionsübernahmen darauf achten, dass man "legionsträchtige" Fraktionen übernimmt und sie mit aller Anstrengung und Erwerb des Streitwagens solange hält, bis man alle benötigten Legionen beisammen hat.

Die fehlende Siegbedingung "Sesterzen" lässt sich problemlos in einer einzige Runde erzielen, nur die Lorbeeren hängen noch etwas hoch. Entweder sollte man hier im bisherigen Spielverlauf zufällig auf eine Lorbeerquelle gestoßen sein, so dass die fehlende Differenz deutlich kleiner ist, oder man bemüht sich als vierte Siegbedingung um die Sonderaufgaben "Gunst der Götter" oder "Tribun".

Die hier präsentierte Rechnerei suggeriert den Eindruck, als ob "Tribun" ein berechenbares Spiel sei und dass man durch scharfe Tabellenkalkulation gewinnen kann. Das möchte ich jetzt noch einmal deutlich dementieren. Die Zahlen sind nur eine theoretische Spielerei. Wie schon oben angedeutet, ist die zufällige Verteilung der Parteilkarten auf dem Spielbrett der entscheidende Faktor, was sich in einer Runde tun wird. Wenn nach eine Kartenausteilung ausschließlich Plebejer neben Vestalinnen herumliegen, dann sind sie Senatoren und alle anderen Besitzstände ungefährdet; dann war auch der Streitwagen kein einziger Sesterz wert. Oder hat man gleich zu Spielbeginn zwei Pärchen bekommen und kann damit zwei Fraktionen übernehmen, dann fallen einem die Lorbeeren praktisch in den Schoß und man ist dem Sieg ein gutes Stück näher gerückt, während die Mitspieler ihr Glück noch in der Latrine suchen.

Rechnen, gemäß obigem Zahlenschema kann man im "Tribun" nur, wenn der Zufall die Freiheitsgrade dazu bietet. Doch das tut er höchst selten. Wenn er es aber nicht tut, dann kann man im "Tribun" immer noch hübsch spielen. Die Auseinandersetzung mit der römischen Szenerie ist in jedem Fall ein paar Stunden Spiel wert.

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2007, Westpark Gamers